Montag, 27. Januar 2014

Ode an das Leben


Vorweg: dieses ist ein Plädoyer an das Leben und sicherlich nicht jedermanns Meinung, sondern die Meinung einer Mutter deren Sohn eine Fehlbildung hat.

Heute habe ich einen kurzen Artikel in einer der letzten Ausgaben der Zeitschrift Ökotest (die sich eigentlich nur um Produkte und Lebensmittelbewertungen kümmert) gelesen. Prinzipiell ging es um das Thema der "späten Mutter". Es wurden zwei Frauen gefragt, was sie davon halten, wenn Frauen spät Mütter werden. Eine Frau, Ärztin, vertrat eine positive Meinung zu diesem Thema, während eine Jüngere Frau eher die Gegenseite vertrat. Ich blieb an einem Satz der Ärztin hängen, die meinte, dass sie erst mit 40 Jahren ihr zweites Kind bekam und dann "natürlich" eine Fruchtwasseruntersuchung machen ließ, weil sie ausschließen wollte, dass sie ein Kind mit Down-Syndrom bekommt. Das hätte sie dann abgetrieben. 

Dieser Satz stand einfach so da, als ob es das normalste der Welt sei, eine Schwangerschaft zu beenden, weil das Kind behindert zur Welt kommen könnte. Noch interessanter war der Punkt, dass sie im letzten Satz erwähnte, dass ihre Schwester Down-Syndrom hat. Was soll man da denken, wenn man so etwas liest: das Leben ist also nicht lebenswert, wenn das Kind behindert ist und auch indirekt impliziert wird, dass das Leben der behinderten Schwester auch nicht lebenswert sei? Ja, wir leben in einer Gesellschaft in der Perfektion ein wichtiges Gut ist bzw. jegliche Abweichung unerwünscht ist. Abtreibungen aufgrund von Behinderungen sind zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft möglich und auch im letzten Stadium (also kurz vor der Geburt) kann die Schwangerschaft durch eine Spritze ins Herz des ungeborenen Lebens beendet werden. Solche Spätabtreibungen sind möglich, sofern eine "Mutter die Schwangerschaft oder die Geburt nicht überleben würde oder wenn schwerwiegende Gefahren für die körperliche oder seelische Gesundheit der Mutter nur durch eine Abtreibung und nicht auf andere Weise abgewendet werden können." Das heißt, eine Schwangere kann sich darauf berufen, dass Sie durch die Geburt eines behinderten Kindes suizidgefährdet wäre und kann damit straffrei einen Abbruch (zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft) durchführen lassen. Sicherlich stellt dieser Spätabbruch den nur kleinen Teil von Abbrüchen dar, aber letztlich ist es traurig, dass dieses Tabuthema selten gesellschaftlich thematisiert wird. 

In welche Richtung geht es, dass durch die Pränataldiagnostik entschieden wird, welches Leben lebenswert ist und welches nicht. Egal zu welchem Zeitpunkt der Schwangerschaft. Ist es schon mittlerweile normal geworden, ein Ungeborenes mit Down-Syndrom abzutreiben und sich in einer Zeitschrift wie der Ökotest so kurz äußern zu können, dass man solch eine Behinderung ganz blöd und unerwünscht findet? Ein solches Statement wird ohne weiteren Kommentar so stehen gelassen und man fragt sich, ob es gesellschaftlich schon mehr akzeptiert ist, Kinder mit Fehlbildung oder Behinderung abzutreiben, als diesen Schritt wenigstens ansatzweise zu hinterfragen?

Ich habe von einigen Müttern im Forum für Fibulaaplasie gelesen, dass Ihnen der Arzt nach der Diagnostik nahegelegt hat, die Schwangerschaft zu beenden. Wir wurden nie vor die Wahl gestellt, da wir es nichts von der Fehlbildung in der Schwangerschaft wussten (was sicherlich auch viele Nachteile hatte, da man sich nicht vorbereiten konnte, darüber habe ich schon geschrieben). Ich frage mich aber, wenn schon bei Fibulaaplasie ein Abbruch diskutiert wird, dann stimmt irgendetwas nicht. Es ist keine Krankheit die unheilbar ist, eine Behandlung ist möglich! Wie schrecklich muss es sein, wenn Eltern nach einem Abbruch später lesen, dass es Ärzte gibt, die diese Fehlbildung so gut hätten behandeln und die Kinder ein normales Leben führen können? 

Ja, jeder hat heute die Möglichkeit selbst zu entscheiden, was er möchte und welches Kind er möchte. Ich weiß von allen Eltern, die sich für ihr Kind entschieden haben, sei es bei Fibulaaplasie oder allen anderen Erkrankungen, Fehlbildungen, Behinderungen etc., dass sie ihr Kind über alles lieben und sich niemals einen Tag ohne sie vorstellen könnten. Wer kann sein Kind nicht lieben? Auch wenn es schwer krank wäre, hört unsere Liebe doch nie auf. Die Liebe die wir schenken, kommt nicht in zehnfacher Form zurück, sondern in millionenfacher. Das ist auch sicherlich bei einem Kind mit Down-Syndrom nicht anders.