Donnerstag, 12. September 2013

Die Gerechtigkeit ist ohnmächtig ohne Macht (Blaise Pascale 1623 - 1662)

Kürzlich schaute ich mal in das Bewertungsportal Jameda. Dort können Patienten ihre Meinungen zu Ärzten, die sie konsultiert haben, hinterlassen. Ich rief meine frühere Frauenärztin auf, die uns während der Schwangerschaft begleitet hat. Dort sah ich wieder sofort die extrem vielen positiven Bewertungen über sie. Sie ist mit 44 Bewertungen in den Top 10 der Münchner Gynäkologinnen. Da erinnerte ich mich, dass ich diese Ärztin auch aufgrund der vielen positiven Bewertungen gefunden habe. Man muss auch zugeben, dass sie eine ganz liebe, nette Person ist. Dementsprechend habe ich mich bei ihr auch gut aufgehoben gefühlt und sprach sie nach gewisser Zeit auch mal auf die vielen positiven Bewertungen im Netz an und sie sagte, dass viele der Bewertungen von ihren Freundinnen geschrieben wurden, weil sie neu nach München kam und man heutzutage nur so auf sich aufmerksam machen konnte. Ach so, das hätte mir damals eigentlich zu denken geben können, solch eine Aussage. Nun dachte ich mir, dass ich meine Erfahrungen auch mal in das Portal stellen könnte. Ich formulierte meine Aussagen, ohne Schmähkritik oder Vorwürfen. Ich stellte einfach meine Erfahrungen dar, wie sie waren. Die Ärztin hat rechtlich alles richtig gemacht und Leos Oberschenkel, seinen Rumpf, seinen Kopfumfang usw. gemessen. Das sind die gesetzlichen Vorgaben und die hat sie erfüllt. Soweit so gut, sie hat aber weder auf die Hände, noch auf die Füße geschaut. Es ärgert mich einfach, dass sie in ihrem Portfolio stehen hat, dass sie sich insbesondere auf Fehlbildungsdiagnostik spezialisiert hat, aber dann doch nicht dort hinschaut, wo Fehlbildungen relativ häufig vorkommen: Hände (noch eher) und Füße. Besonders interessant finde ich es, wenn ich von fast allen Frauen höre, dass ihre Frauenärzte ihnen die Hände und Füße ihres ungeborenen im Ultraschall gezeigt und sogar Finger und Zehen gezählt haben. Meine neue Ärztin hat diese Vorgehensweise bestätigt. Ich hätte rückblickend schon gerne gewusst, dass Leo Fibulaaplasie hat bzw. Fußfehlbildungen. So hätte man sich vorbereiten können, alles vorab erlesen, Ärzte schon konsultieren können etc. Die schlimme Ungewissheit und Ärzteodysee nach der Geburt mit unserem kleinen Baby wäre uns erspart geblieben. Ich habe von den meisten betroffenen Eltern (Deutschland und international) erfahren, dass Fibulaaplasie spätestens beim "großen Ultraschall" in der 20. Schwangerschaftswoche erkannt wird. Ich weiß auch, dass die viele sehr unglücklich den Rest der Schwangerschaft waren, weil sie mit der Diagnose völlig überrannt wurden und auch erstmal damit klar kommen mussten, dass etwas völlig außer Planmäßiges geschah. Dennoch hatten die Eltern dann Zeit sich vorzubereiten. Mit Ärzten zu sprechen, mögliche Behandlungen zu überlegen etc. Nun gut, da meine Ärztin also nicht in der Lage, sich Hände und Füße anzuschauen, dachte ich mir, dass ich meine Erfahrungen nun in dem Bewertungsportal niederschreiben dürfte. Wie gesagt, recht moderat formuliert und ohne Vorwürfe. Paar Tage später erschienen weitere kritische Kommentare (und Gott weiß, dass ich nur meine eine Bewertung geschrieben habe), zu dieser Ärztin. Es schien so, dass sich nun plötzlich Patientinnen ermuntert fühlten, nach der ersten negativen Kritik, ihre eigenen Erfahrungen nieder zuschreiben. Insgesamt waren es ca. 4-5 negative Kritiken die im Zuge meiner Bewertung hinzu kamen. Und dann plötzlich waren sie alle, von einem Tag auf den anderen, verschwunden...Zudem bekam ich vom Portal Jameda eine Email, dass die Frauenärztin der Bewertung nicht glaubt und man daher prüfen würde, ob es sich um eine wahre Schilderung handelt. Der Berufsstand des Arztes genieße einen besonderen Schutz. Nachdem ich meine Aussage bestätigt hatte, forderte ich mein Recht als Patient, auch die vielen positiven Bewertungen auf den Prüfstand zu stellen. Es handelte sich hier um 44 Bewertungen mit der Note 1,0 die sich mit Lobeshymnen überschlugen! Und da ich ja weiß, dass viele davon gefakt sind, wäre es sicher angebracht, dass auch hier die Kommentare überprüft werden. Ich bekam weder eine Antwort, noch wurde meine Bewertung wieder reingestellt. Die anderen kritischen Bewertungen übrigens auch nicht. Insofern frage ich mich, was diese Portale eigentlich bringen? Eine Ärztin, die ihre Bewertungen selbst schreiben lässt, negative Kommentare auf ihren Wunsch hin sofort gelöscht werden können und positive anstandslos übernommen werden, zeigen mir, dass jemand mehr Wert auf seine Außenwirkung legt, als auf seine Arbeit in der Praxis. Blöd, dass ich so etwas vorher nicht wusste und dachte Manipulationen gebe es nur im Bereich der Hotelbewertungen. Aber das Ärzte so etwas nötig haben, eröffnete mir eine völlig neue Sichtweise. Ich denke aber, dass es mich noch mehr ärgert, das solche Bewertungsportale den Anscheinen erwecken lassen, dass jeder ein gleiches Recht hätte und es vorrangig um das Wohl das Patienten gehe. Letztlich geht es aber gerade nicht darum seine Meinung (Meinungsfreiheit, wie war das noch?) frei äußern zu dürfen, sondern um folgendes:
"Ärzte, Apotheker, Rechtsanwälte usw. unterliegen in Deutschland einem besonderen Berufsrecht. Bei Standesberufen wie diesen gilt der Grundsatz, dass der Laie den Fachmann nicht beurteilen kann. Darum mussten wir Ihren Beitrag leider löschen."



Die Gerechtigkeit ist wie das Licht: Man weiß nicht, was es ist, aber man merkt, wenn es fehlt.