Sonntag, 9. Juni 2013

Wer ist hier behindert?


"Ich kenne auch jemanden, der behindert ist", "Wusstest Du, dass er behindert zur Welt kommen wird?" "Ich habe einen Freund, der ist Contergan geschädigt und führt ein tolles Leben"..Solche Kommentare haben wir seit Leos Geburt einige Male gehört. Glücklicherweise nicht oft, aber die wenigen Male haben gereicht, um mir kurz nach Leos Geburt den Tag zu verderben. Es gibt Menschen, die schnell das Wort Behinderung in den Mund nehmen und Leo gerne als solchen bezeichnen. Ja, Leo hat eine Fehlbildung, aber ist er deswegen behindert? Für uns absolut nicht und ich sage auch warum: Leo wird auf seinen eigenen Füßen laufen können. Das heißt, er wird gehen, springen und laufen können. Er wird wohl eher kein Marathonläufer werden oder den Mount Everest besteigen. "Na, dann ist er ja behindert" antwortete da schon ein Bekannter. Dann frage ich, muss jeder Mensch heutzutage Spitzensportler werden oder Kletterer? Wir sind auch keine Sportler und sind nicht behindert. Ich möchte gar keine Berge besteigen oder Dauerläufer sein. Ich bezweifle auch stark, dass ich dazu in der Lage wäre. Es ist super, wenn es Leute gibt, die das machen und den Sport auch ihr Hobby nennen. Aber muss heute jeder Höchstleistungen vollbringen können, damit er ganz "normal" ist? Würde jemand Reinhold Messner als behindert bezeichnen, weil ihm auch die meisten seiner Zehen fehlen? Wohl kaum!
Ziehen wir kurz die Richtlinie der Weltgesundheitsorganisation WHO zur Definition von Behinderung heran: "Aufgrund einer Erkrankung, angeborenen Schädigung oder eines Unfalls als Ursache entsteht ein dauerhafter gesundheitlicher Schaden. Der Schaden führt zu einer funktionalen Beeinträchtigung der Fähigkeiten und Aktivitäten des Betroffenen." Das bedeutet, dass ein gesundheitlicher Schaden vorliegen muss und als Folge dessen die Fähigkeiten und Aktivitäten eingeschränkt sind. Wenn ich hier richtig ansetze, müsste nach dieser Definition auch die Mehrheit der Bevölkerung behindert sein. Sei es, weil sie eine Brille oder Kontaktlinsen brauchen, ohne die sie am sozialen Leben nicht "normal" teilnehmen könnten (ich zähle mich dazu, da ich ohne dieses Hilfsmittel fast blind bin), sei es Menschen, die an chronischen Schmerzen leiden, die eine Hüftoperation hinter sich haben, die Hörgeräte tragen etc. Sind wir dann auch demnach behindert? Komisch, aber die wenigsten fühlen sich bei diesem Gedanken wohl, als behindert bezeichnet zu werden. Dennoch werde ich aber auch manchmal überrascht, wenn ich von Menschen mit Fibulaaplasie lese, die sich selbst als behindert oder gehbehindert bezeichnen. Dieses ist mehrheitlich bei den deutschen Betroffenen zu lesen. Amerikanische Eltern, deren Kinder schon eine Fußrekonstruktion hinter sich haben, bezeichnen ihre Kinder nie als handicaped oder disabled. Woran liegt das? Vielleicht als wichtigster Grund daran, dass die Kinder danach entweder gar keine Orthesen (also Hilfsmittel) brauchen, oder nur so kleine, dass diese kaum sichtbar sind. In Deutschland wird noch anders behandelt: die Kinder und auch später noch Erwachsene tragen - auch nach den OPs- über das Knie gehende Orthesen, die natürlich auch bei kürzer Kleidung für alle anderen sichtbar sind. Dieses bedeutet sicherlich eine größere Einschränkung, wenn man ständig und überall solche Hilfsmittel tragen muss. Letztlich ist es für mich in Ordnung, wenn Menschen sich selbst oder ihre Kinder als behindert bezeichnen möchten und einen Schwerbindertenausweis wollen. Jeder hat ein anderes Bild von sich und dem Leben. Aber für uns ist es nicht in Ordnung, wenn man bei Leo von einer Behinderung spricht. Unser Leo wird auf seinen Füßchen laufen und daher ist die Bezeichnung einer Fußanomalie oder Fehlbildung eher zutreffend. Und vielleicht wird Leo ja trotzdem mal einen Berg besteigen. Wer weiß....-  Leo, go!










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